Die Vorstellung, dass Kinder die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen und sich selbst Wissen aneignen sollen, ist oft fehlgeleitet
Ein großer Teil der schulischen Digitalisierung besteht darin, dass die Schulen nicht mehr mit Schulbüchern oder gar digitalen Lernmaterialien arbeiten, sondern dass von den Schülerinnen und Schülern schon relativ früh erwartet wird, dass sie sich ihre eigenen Informationen über digitale Quellen suchen.
Diese Suche nach Wissen nimmt viel Zeit in Anspruch, Zeit, die vom Lernen des Stoffes abgezogen werden muss. Eine Studie (Weinstein et al., 2010) zeigte beispielsweise, dass Schüler, die ihre eigenen Fragen (Anm. d. Üb.: zum Lernstoff) formulierten und diese dann beantworteten, zwar genauso viel lernten wie Schüler, die nur die Fragen der Lehrkraft beantworteten.
Allerdings brauchte die erste Gruppe mehr als doppelt so lange, um den gleichen Wissensstand zu erreichen.
Wenn die Schülerinnen und Schüler, wie es in schwedischen Schulen üblich ist, online nach Informationen suchen, dann ihre eigenen Fragen erstellen und schließlich beantworten müssen, kostet dies viel zusätzliche Zeit.
Letztlich führt das zu einem geringeren Lernerfolg.
Im Einklang mit dieser Erkenntnis hat die OECD kürzlich einen Bericht veröffentlicht, aus dem hervorgeht, dass Länder, die viel selbsterforschenden Unterricht einsetzen, bei PISA deutlich schlechter abschneiden (Denoël et al., 2017).
Die Lernenden brauchen nicht nur viel Zeit, um ihr eigenes Wissen online zu recherchieren, sondern es besteht auch die Gefahr, dass sie eher horizontal lesen (d. h. schnell viele verschiedene Quellen überfliegen) als vertikal (d. h. nach tieferem Wissen suchen).
Die Schüler lernen, dem schnellen Abrufen von Informationen Vorrang vor einer tiefgreifenden Analyse zu geben, was wiederum zu oberflächlichem Wissen führen kann, das schneller verloren geht.
Wenn Schülerinnen und Schüler ihr eigenes Wissen in digitalen Quellen suchen, ist das Risiko groß, dass das Gelernte falsch ist.
Der Schwerpunkt scheint zunehmend darauf zu liegen, dass die Lernenden ihre eigene Meinung äußern und dann im Internet nach Belegen dafür suchen - und nicht darauf, dass sie zuerst Wissen finden und dann ihre Meinung auf das vorhandene Wissen stützen.
Der Begriff "evidenzbasiert" wird zunehmend verwendet, aber viele scheinen zu denken, dass dies bedeutet, dass alle Perspektiven berücksichtigt werden sollten, anstatt dass das, was gelehrt wird, wissenschaftlich fundiert sein sollte. Selbst auf Universitätsebene fällt es den Studenten immer schwerer, längere Texte zu lesen und die relevanten Informationen zu erfassen.
*Aus: Stellungnahme zum Vorschlag der schwedischen Bildungsbehörde für eine nationale Digitalisierungsstrategie für das Schulsystem 2023-2027
(Karolinska Institutet dnr 1-322/2023). >> hier
Kritische Anmerkungen zur "Digitalisierung des Unterrichts" >> hier